Schule: «Ein Plädoyer für das Lehren»

«Lehren heisst auch, sich um die nächste Generation zu kümmern», schreibt Primarlehrerin Christine Staehelin in ihrem Gastbeitrag.

Das Wichtigste in Kürze
- Eine Gruppe von Bildungsfachleuten hat sich an die Schweizer Öffentlichkeit gewandt.
- Ziel ist es, das hohe Qualitätsniveau der Schweizer Schulen zurückzuholen.
- Die Gastautorin ist Primarlehrerin und Mitglied des Erziehungsrats Basel-Stadt.
Wer sich an die Schulzeit zurückerinnert, denkt oft zuerst an seine Lehrerinnen und Lehrer, an jene Menschen, die uns tagtäglich gegenüberstanden und versuchten, uns etwas beizubringen.
Solche, die uns mit grosser Leidenschaft für ihr Fach begeistern konnten. Und solche, die jedes Jahr die gleichen Aufgaben lösen liessen.
Die, die uns die Schönheit eines einzelnen Satzes aufzeigen wollten und jene, die selbst nicht von der Wichtigkeit ihres Faches überzeugt waren. Manche, die zu persönlich waren und andere, die sich nicht für uns interessierten.
Einige, die uns ermutigt haben und gewisse, die uns nicht gesehen haben. Die, welche uns über uns selbst herauswachsen liessen und die, welche uns entmutigten. Einzelne, die wir in bester Erinnerung behalten und diejenigen, die wir unbedingt vergessen wollen.
Was sie alle verbindet, ist, dass sie uns ein Gegenüber waren, das wir schätzten oder ablehnten, anerkannten oder lächerlich machten, dem wir glaubten oder misstrauten.
Zuverlässig erschienen sie Lektion für Lektion, inszenierten sich auf die unterschiedlichsten Arten als Lehrerinnen und Lehrer, was einigen besser und anderen weniger gut gelang, und setzten sich der Tatsache aus, dass sie einen Beruf ausüben, in dem man reüssieren, aber auch grandios scheitern kann.
Gesellschaftlich schwankte ihr Ansehen zwischen der Anerkennung als Vermittler von Kultur und Tradition und dem Klischee eines Berufsstands, der wenig arbeitet, gut verdient und über Ferien verfügt, von denen andere nur träumen können.
Nicht beliebig formbar
Es gibt wenige Berufe, die grundsätzlich mit so vielen Widersprüchlichkeiten konfrontiert sind wie der Lehrberuf. Das hat wohl in erster Linie damit zu tun, dass Lehren ein Tun ist, das zwar ein Gelingen wünscht, nämlich dass die Schülerinnen und Schüler etwas lernen, aber gleichzeitig damit konfrontiert ist, dass hier kein unmittelbarer kausaler Zusammenhang besteht und das Lernen letztlich unverfügbar bleibt.
Und das ist auch richtig so, denn es verweist darauf, dass Schülerinnen und Schüler nicht beliebig formbar sind und dass sie nicht als Mittel zum Zweck instrumentalisiert werden können.
Dennoch scheint diese Widersprüchlichkeit, mit welcher jedes pädagogische Handeln konfrontiert ist, kaum aushaltbar. Nicht nur für die Lehrerinnen und Lehrer, sondern auch aus der gesellschaftlichen und politischen Perspektive gesehen.
Anders lassen sich die Reformen der letzten Jahrzehnte, die den Stellenwert des Lehrens grundlegend verändert haben, nicht erklären.
Plötzlich werden Kausalitäten propagiert. «Früher ist besser» – das Frühfranzösisch oder das Frühenglisch – sowie der frühere Schuleintritt wurden eingeführt.
Integration bedeutet, dass alle die gleiche Schule besuchen. Der Lehrplan formuliert, was gekonnt werden muss, nicht mehr, was vermittelt wird.
Lehrerinnen und Lehrer, die damals darauf hinwiesen, dass die schulische Wirklichkeit sich etwas komplexer präsentiert als diese einfachen Kausalzusammenhänge behaupten, wurden ignoriert.

Aufgabenstellungen mit KI
Eingeführt wurden sogenannte Lernumgebungen, welche Kulturbestände in Aufgaben verpackten. Lehrpersonen wurden zu Coaches; das selbstorganisierte Lernen übertrug die Verantwortung für den Wissenserwerb an die Schülerinnen und Schüler.
Mit der Digitalisierung verschwanden Blatt und Bleistift; die Welt präsentiert sich ihrer ganzen Komplexität beraubt nur noch reduziert auf dem Bildschirm.
Heute werden die Aufgabenstellungen, auf welche das Kulturerbe komprimiert wurde, mittels KI formuliert, gelöst und wiederum von der KI korrigiert und bewertet.
Damit verschwinden nicht nur die Lehrerinnen und Lehrer, an die wir uns erinnern, sondern das Lehren an sich als genuin menschliche Aufgabe.
Lehrberuf verliert so seinen Sinn
Weltzugänge, unmittelbar, komplex und widerständig, wie sie sich zeigen können, werden nicht mehr durch Menschen eröffnet.
Der Beruf und die Institution verlieren ihren Sinn. Den grössten Verlust tragen unsere Kinder.
Wenn die ältere Generation ihnen gegenüber nicht mehr die Welt vertritt mit all ihren Schönheiten und Unwegsamkeiten, ihrem Reichtum und ihren Herausforderungen, dann lassen wir sie allein. Ohne Orientierung, ohne Sinn und letztlich ohne Hoffnung.
Lehren heisst auch, sich um die nächste Generation zu kümmern. Das dürfen wir nicht aufgeben.

Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht
Jedes Kind geht nur einmal zur Schule. Darum hat es das Recht auf einen bildungswirksamen Unterricht. Wir Erwachsenen tragen dafür die Verantwortung.
Die heutige Volksschule wird diesem Auftrag zu wenig gerecht. Warum?
– Sie vernachlässigt das gemeinsame und systematische Lernen.
– Überfrachtete Lehrpläne und pädagogische Dogmen verdrängen das Zusammenspiel von Lehren und Lernen.
– Zentral verordnete Reformen binden Zeit und Ressourcen, entwerten das Pädagogische und tragen zu sinkenden Lernleistungen bei.
– Administration und Organisation ersticken die Freiheit und verdrängen den Sinn des Lehrberufs.
– Pädagogische Hochschulen verlieren den Bezug zur Praxis.
Darum fordern wir eine Neuausrichtung hin zu einer Volksschule, die über klare Ansprüche und systematisches Üben elementares Basiswissen sichert und so tragfähige Grundlagen fürs Leben vermittelt:
– verstehendes Lesen und kohärentes Schreiben,
– präzises Reden und begründetes Argumentieren,
– grundlegendes Rechnen,
– logisches Denken und freies Fantasieren,
– kreative und kulturelle Fähigkeiten,
– einen respektvollen Umgang und Förderung des Gemeinsinns.
Darauf müssen die Pädagogischen Hochschulen vorbereiten – und dafür müssen sie einstehen, in engem Austausch mit der Schulpraxis.
Der Sinn der Schule liegt im Pädagogischen. Darum steht die Pädagogik im Mittelpunkt.
Jedes Kind hat ein Recht darauf, gesehen, angeleitet und verantwortungsvoll unterrichtet zu werden.
Eine bildungswirksame Schule schafft entscheidende Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben. Darum gehört sie ins Zentrum der Politik.
Dr. phil. Carl Bossard, Yasmine Bourgeois, Prof. Dr. phil. Allan Guggenbühl,
Dr. phil. Beat Kissling, Philipp Loretz, Res Schmid, Christine Staehelin M.A., Roland Stark
Zürich, 27. April 2026



