Darum können Blindenhunde Angriffe anderer Hunde ignorieren

Laurin Zaugg
Laurin Zaugg

Liestal,

Wird ein Blindenhund von einem anderen Hund angegriffen, reagiert er oft kaum. Wie schafft er das? Nau.ch hat bei einer Blindenhundeschule nachgefragt.

Blindenhund
Ein Hund muss bestimmte Voraussetzungen mitbringen, um als Blindenhund geeignet zu sein. - blindenhund.ch

Das Wichtigste in Kürze

  • Es ist erstaunlich, wie Blindenhunde auf Provokationen anderer Hunde reagieren.
  • Sie ignorieren aggressive Artgenossen zum Wohl ihres Herrchens einfach.
  • Nau.ch hat bei einer Blindenhundeschule nachgefragt, wie man Hunde dazu ausbildet.

Wer einen Hund besitzt, wird folgendes Szenario kennen: Ein fremder Hund bellt den eigenen an, kommt ihm etwas zu nahe und schon gerät die Situation ausser Kontrolle. Nur mit grosser Mühe lassen sich die Streithähne voneinander trennen.

Erstaunlicherweise reagieren Blindenhunde in solchen Situationen seelenruhig. Dabei kann der andere Hund noch so aggressiv sein – Blindenhunde sind sich ihrer Aufgabe bewusst und ignorieren den Artgenossen.

Wie schafft man es, den Hunden dieses Verhalten anzutrainieren, das doch dem natürlichen Instinkt widerspricht? Nau.ch hat bei einer Blindenhundeschule nachgefragt.

Peter Kaufmann ist Geschäftsführer der Blindenhundeschule in Liestal BL und selbst eidgenössisch diplomierter Blindenführhunde-Instruktor.

Um einen Blindenhund darin auszubilden, seine provozierenden Artgenossen zu ignorieren, spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. «Die Grundlage für diese Gelassenheit wird bereits mit der Auswahl einer geeigneten Zucht gelegt», sagt Kaufmann.

Für die Ausbildung zum Blindenführhund seien nur wesensfeste, friedfertige und nervenstarke Tiere geeignet. Zudem dürfen sie «kein Aggressionspotenzial gegenüber Menschen oder Artgenossen» aufweisen und sollen einen hohen «Will to please» (Wille zu gefallen) mitbringen.

Kein «Unterdrücken eines Instinkts»

Doch wie wird nun einem Blindenhund antrainiert, nicht auf Provokationen anderer Hunde zu reagieren? Kaufmann erklärt: «Es handelt sich hierbei nicht um das Unterdrücken eines Instinkts, sondern um das Erlernen eines positiven Alternativverhaltens.»

Die Hunde sollen lernen, sich voll und ganz auf ihren menschlichen Partner und ihre Aufgabe zu konzentrieren. Dabei werde den Hunden durch Belohnungen vermittelt, dass dies die lohnendste Entscheidung sei.

Hund
Durch Belohnungen werden die Blindenhunde dazu ermutigt, nicht auf Provokationen anderer Hunde einzugehen. - blindenhund.ch

«Wenn sie andere Hunde ignorieren, werden sie dafür hochwertig belohnt», sagt Kaufmann. Die Arbeit im Führgeschirr werde für den Hund zur primären Aufgabe, wodurch andere Reize ausgeblendet würden.

Ausbildung dauert insgesamt zwei Jahre

Es sei ein kontinuierlicher Prozess, der «bereits in den ersten Lebenswochen beim Züchter und danach in der Patenfamilie beginnt». Die Spezialausbildung in Kaufmanns Führhundeschule dauere danach nochmals rund sechs bis neun Monate.

Der Geschäftsführer fasst zusammen: «Zuverlässige Gelassenheit ist also kein einzelner Trainingsschritt, sondern das Resultat von zwei Jahren sorgfältiger Aufzucht, Selektion und konsequentem Training.»

Tragen des Führgeschirrs bedeutet «Arbeitsmodus»

Nach der Ausbildung habe der Hund verinnerlicht, dass das Tragen des Führgeschirrs «Arbeitsmodus» bedeute. «In diesem Modus ist sein stärkster Antrieb die Zusammenarbeit mit seinem Menschen.»

Das Interesse an anderen Hunden werde nicht durch Zwang unterdrückt, sondern verliere in diesem Moment schlicht an Bedeutung.

Blindenhunde wirken deeskalierend

Grundsätzlich wirke ein zielstrebiger Blindenhund, der Artgenossen passiv begegnet, stark deeskalierend, sagt Kaufmann. Ein tatsächliches Aggressionsverhalten anderer Hunde komme in der Praxis daher äusserst selten vor.

Hast du schon mal beobachtet, wie ein Blindenhund angegriffen wird?

In brenzligen Situationen greife zunächst ein anderes Konzept: «Die sehbehinderte Person ist darin geschult, die Situation so gut wie möglich passiv abzublocken. Zudem hat der Hund gelernt, seinen Menschen souverän aus der Gefahrenzone zu führen.» Meist lasse sich eine Konfrontation so bereits unterbinden.

Nur wenn dies nichts nütze und dennoch eine Eskalation durch einen unbeaufsichtigten Fremdhund entstehe, müsse sich die blinde Person zurückziehen. In diesen seltenen Fällen vertraue sie auf die Zivilcourage und das Eingreifen sehender Passanten.

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