«Die Integrative Schule – ein Murks mit Ansage»

«Über viele Jahre wurden Kritiker der Integrierten Schule als Ewiggestrige diskreditiert. Der Wind hat gedreht», schreibt Gastautor Roland Stark.

Das Wichtigste in Kürze
- Eine Gruppe von Bildungsfachleuten hat sich an die Schweizer Öffentlichkeit gewandt.
- Ziel ist es, das hohe Qualitätsniveau der Schweizer Schulen zurückzuholen.
- Gastautor Roland Stark war während 42 Jahren Kleinklassenlehrer in Baselland und im Kanton Basel-Stadt.
«Die Wirklichkeit dringt nicht in die Welt des Glaubens». Dieser Satz von Marcel Proust könnte auf diejenigen Realitätsverweigerer gemünzt sein, die ausgerüstet mit dichten ideologischen Scheuklappen unsere Bildungslandschaft gestalten.
Wie gross die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist, hat erst kürzlich eine Studie zur inklusionsorientierten Schule des Forschungsinstitut «gfs.bern» im Auftrag des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) ergeben: Die Arbeitsbelastung für die Lehrkräfte ist gestiegen, das allgemeine Leistungsniveau ist gesunken, leistungsstarke Schülerinnen und Schüler kommen ebenso zu kurz wie die Schwächeren.
Dazu addieren sich noch die desaströsen Ergebnisse der Überprüfung der Grundkompetenzen an der Primarschule.

Unheil begann mit Missverständnis
Diese Resultate bestätigen jahrzehntealte Warnungen der Fachleute in den Schulstuben und in der Wissenschaft, die jedoch von einer unheiligen Allianz aus Bildungsbürokratie, schwärmerischen Reformturbos in den Lehrerverbänden (LCH inklusive), politischen Parteien und dem schulischen Alltag entrückten Theoretikern an den Pädagogischen Hochschulen in den Wind geschlagen wurden.
Das Unheil begann schon mit einem Missverständnis. Von den euphorisierten Befürwortern der sogenannten Integration wird gebetsmühlenartig auf die UN-Menschenrechtskonvention von Salamanca aus dem Jahre 1994 verwiesen.
Aus diesem Dokument wird dann national das Konkordat Sonderpädagogik abgeleitet, in den Kantonen schliesslich die Anpassungen in den Schulgesetzen und Verordnungen.
Und daraus wieder der absolute Integrationsbefehl an die Schulen. Ein geschlossener, widerspruchsfreier Kreislauf. Wir kennen das Muster aus den päpstlichen Enzykliken.
Tatsächlich aber ist in dem Text aus der schönen Stadt im spanischen Kastillien-Léon an keiner Stelle die Forderung zu finden, dass Sonderschulen – spezifische Einrichtungen für Kinder und Jugendliche mit Defiziten – vollständig abgeschafft werden müssen.
Im Zentrum der Bemühungen um Integration stehen nicht organisatorische oder räumliche Fragen, sondern die Erfüllung der Bedürfnisse aller Lernenden.
Frustrierendes Angebot
Den meisten Fachleuten, den Pädagogen an der «Front» sowieso, ist klar, dass verhaltensauffälligen, lerngestörten, sozial, oft auch sprachlich und kulturell nicht integrierten Kindern eine besonders geförderte Schulentwicklung zwingend zur Verfügung stehen muss.
Die «integrative» Schule bietet dafür nur ein ungenügendes, für alle Beteiligten (Lehrer, Schüler, Eltern) oft frustrierendes Angebot.
Dazu kommt noch ein unübersehbarer Etikettenschwindel. Die heilpädagogische Betreuung mit einer Vielzahl von Programmen und Personen, ein ständiger Wechsel im Setting, führt zu einer Verzettelung des Unterrichts, zu Unruhe und Konzentrationsproblemen.
Vertraute Lernumgebung fehlt
Die Schüler sind formal «integriert», sie stehen schliesslich auf der gleichen Klassenliste, werden aber häufig separat unterrichtet.
Den Kindern fehlt eine stabile und vertraute Lernumgebung, wie sie in den verteufelten, fälschlicherweise als integrationsfeindlich denunzierten Kleinklassen gewährt wurde.
«Ein überschaubarer institutioneller Rahmen ist die Voraussetzung», schrieb Prof. Dr. Bernd Ahrbeck schon 2014, «dass sich intensive Beziehungserfahrungen einstellen, die für eine persönliche Veränderung unabdingbar sind.»
Der an eine belebte Bahnhofshalle erinnernde hektische Publikumsverkehr in unseren überbevölkerten Schulzimmern widerpricht jeder pädagogischen Vernunft.
Wind hat gedreht
Über viele Jahre wurden Kritiker der Integrierten Schule, die sich nicht vorbehaltlos der karitativ-missionarischen Agitation unterwarfen, als Ewiggestrige, mit einem antiquierten Denken geschlagene, intellektuell unbewegliche Randgruppe diskreditiert. Unterdessen hat der Wind gedreht.
Die «Oxford Dictionaries» haben 2016 das Wort «post-truth» (postfaktisch) zum internationalen Wort des Jahres gewählt. Das Adjektiv beschreibt Umstände, in denen die öffentliche Meinung weniger durch objektive Tatsachen als durch das Hervorrufen von Gefühlen und persönlichen Überzeugungen beeinflusst wird.
Druck nimmt zu
Bei der Integrativen Schule funktioniert der Trick nicht mehr. Die Fakten, Klagen der Lehrkräfte, Ergebnisse von Leistungserfassungen, Erfahrungen von Schülerinnen und Schüler, Berichte von Eltern können nicht länger mit schönfärberischen Sprüchen aus den Phrasen-Dreschmaschinen von PH oder EDK beiseite geschoben werden.
Der Druck, endlich wieder Förderklassen einzuführen, nimmt in zahlreichen Kantonen wieder zu. Basel-Stadt hat – zögerlich – begonnen, Zürich und andere werden folgen.
«Starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmass», das der deutsche Soziologe Max Weber 1919 für die Politik als notwendig erachtete, könnte vielleicht auch in der Bildungspoltik zum Ziel führen. Im Interesse der Kinder und Jugendlichen.
Zum Autor
Roland Stark (Jahrgang 1951, Appenzell) war Primarlehrer (Lehrerseminar Rorschach), diplomierter Heilpädagoge (Uni Basel) – und während 42 Jahren Kleinklassenlehrer in Baselland und im Kanton Basel-Stadt. Stark ist ehemaliger Partei- und Fraktionspräsident der SP Basel-Stadt (Verfassungsratspräsident 2000/2001, Grossratspräsident 2008/2009).

Manifest für einen bildungswirksamen Unterricht
Jedes Kind geht nur einmal zur Schule. Darum hat es das Recht auf einen bildungswirksamen Unterricht. Wir Erwachsenen tragen dafür die Verantwortung.
Die heutige Volksschule wird diesem Auftrag zu wenig gerecht. Warum?
– Sie vernachlässigt das gemeinsame und systematische Lernen.
– Überfrachtete Lehrpläne und pädagogische Dogmen verdrängen das Zusammenspiel von Lehren und Lernen.
– Zentral verordnete Reformen binden Zeit und Ressourcen, entwerten das Pädagogische und tragen zu sinkenden Lernleistungen bei.
– Administration und Organisation ersticken die Freiheit und verdrängen den Sinn des Lehrberufs.
– Pädagogische Hochschulen verlieren den Bezug zur Praxis.
Darum fordern wir eine Neuausrichtung hin zu einer Volksschule, die über klare Ansprüche und systematisches Üben elementares Basiswissen sichert und so tragfähige Grundlagen fürs Leben vermittelt:
– verstehendes Lesen und kohärentes Schreiben,
– präzises Reden und begründetes Argumentieren,
– grundlegendes Rechnen,
– logisches Denken und freies Fantasieren,
– kreative und kulturelle Fähigkeiten,
– einen respektvollen Umgang und Förderung des Gemeinsinns.
Darauf müssen die Pädagogischen Hochschulen vorbereiten – und dafür müssen sie einstehen, in engem Austausch mit der Schulpraxis.
Der Sinn der Schule liegt im Pädagogischen. Darum steht die Pädagogik im Mittelpunkt.
Jedes Kind hat ein Recht darauf, gesehen, angeleitet und verantwortungsvoll unterrichtet zu werden.
Eine bildungswirksame Schule schafft entscheidende Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben. Darum gehört sie ins Zentrum der Politik.
Dr. phil. Carl Bossard, Yasmine Bourgeois, Prof. Dr. phil. Allan Guggenbühl,
Dr. phil. Beat Kissling, Philipp Loretz, Res Schmid, Christine Staehelin M.A., Roland Stark
Zürich, 27. April 2026





