Die Heldin der Arbeit ermittelt im Roman «Die Auster»

Yael Inokais neuer Roman «Die Auster» dreht sich um einen Mord, ist aber kein klassischer Krimi. Vielmehr dient der Plot zum Vorführen eines Milieus – des Kaufhauses -, vor allem aber eines Charakters: der Putzfrau.

Leonora Bloch ist eine Heldin der Arbeit. Aus ärmlichen Verhältnissen und in jungen Jahren mit Kind sitzengelassen, blieb ihr auch nie etwas anderes übrig, als hart zu arbeiten. Sprich: zu putzen. Nun ist Leonora über siebzig und putzt immer noch, allerdings in gehobener Stellung. Als persönliche Assistentin des Kaufhausdirektors Dr. Bronstett schaut sie in seinem Büro zum Rechten, aber auch in seiner Villa. Dort findet sie ihren Chef eines Morgens ermordet vor.
«Er lag am wärmsten Ort des Hauses», heisst es im neuen Roman der Basler Autorin Yael Inokai. «Leonora hatte sich selbst einmal auf diesen Boden gelegt, in einem selbstvergessenen Moment vor vielen Jahren. Seither war das für sie untrennbar mit Reichtum verknüpft: nach einem Arbeitstag an der Tür die Schuhe ausziehen und barfuss durch das Haus spazieren. Verlustängste haben, einen Mantel aus Kaschmir besitzen, von einer Fussbodenheizung getröstet werden.»
Trost hätte sie gebraucht, als ihr Sohn starb. Aber das Leben ging damals einfach weiter. Und das Putzen ist zu Leonoras zweiter Natur geworden. Wo die erste geblieben ist und ob sie je eine hatte, wird in dem Buch nicht klar. Trauert sie um Dr. Bronstett? Empfindet sie Schadenfreude? So nah lernt man Inokais Protagonistin nicht kennen. Sie bleibt plakativ dargestellt, und die anfängliche Sympathie wandelt sich beim Lesen in Unverständnis. Warum begehrt diese Frau nie auf? Warum nutzt sie keine der Gelegenheiten, die sich ihr bieten, um sich einen Vorteil zu verschaffen?
Auch die Polizei ist ratlos. Nach Auffinden der Leiche hat Leonora als erstes den Tatort gereinigt, so gründlich, dass alle Spuren getilgt sind. Zusammen mit dem einstigen Liebhaber ihres verstorbenen Sohnes, mit dem sie einen familiären Kontakt pflegt, löst sie den Fall schliesslich selber. Hinweise gibt die abgetrennte Hand des Chefs, die auf einer Austernplatte in der pseudoschicken Bar des Kaufhauses auftaucht. Das ist gruselig und setzt das Schlürfen lebendiger Tiere mit dem Zerstückeln toter Menschen gleich. In diesem Moment ist dieses sonst eher harmlose Buch radikal.*
*Dieser Text von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.




