KI soll Novartis früh vor Milliarden-Flop gewarnt haben

Ein Start-up sagte das Scheitern eines Novartis-Medikaments voraus – und will den Konzern sogar Monate zuvor gewarnt haben. Wie seriös sind solche Prognosen?

Das Wichtigste in Kürze
- Novartis' Medikament Del-desiran verfehlte im September sein wichtigstes Studienziel.
- Das dänische KI-Start-up BioinvestGPT will den Rückschlag früh vorhergesagt haben.
- Ein Berner Forscher bezweifelt jedoch die Aussagekraft der angeblichen KI-Trefferquote von 95,6 Prozent.
Der Schweizer Pharmakonzern Novartis setzte grosse Hoffnungen in ein neues Medikament gegen eine seltene Muskelerkrankung.
Doch im September folgte die Ernüchterung: Das Mittel namens Del-desiran verfehlte sein wichtigstes Studienziel. Die Novartis-Aktie brach um rund elf Prozent ein. Rund 30 Milliarden Dollar Börsenwert gingen verloren.
Für ein dänisches KI-Start-up kam der Rückschlag offenbar nicht überraschend. BioinvestGPT hatte bereits im Juli vorausgesagt, dass das Medikament keinen ausreichend grossen Nutzen zeigen würde. Das berichtete die Nachrichtenagentur Reuters Anfang Oktober.
Das Unternehmen simuliert mithilfe künstlicher Intelligenz Medikamentenstudien mit virtuellen Patienten. So soll sich frühzeitig erkennen lassen, ob ein Medikament Erfolg haben wird oder nicht.
Start-up will Novartis frühzeitig gewarnt haben
Nun zeigt sich: BioinvestGPT will den Konzern sogar noch viel früher auf mögliche Probleme aufmerksam gemacht haben.
Auf seiner Website schreibt das Start-up, bereits im April 2023 das Scheitern des Wirkstoffs AOC 1001 – der später unter dem Namen Del-desiran entwickelt wurde – vorhergesagt zu haben.
Besonders brisant: Im November 2025 habe BioinvestGPT die Novartis-Führung über seine Prognosen zu drei Medikamentenkandidaten des US-Unternehmens Avidity Biosciences informiert.
Novartis hatte einen Monat zuvor angekündigt, Avidity für rund zwölf Milliarden Dollar zu übernehmen. Abgeschlossen wurde der Kauf erst im Februar 2026.

Wusste der Pharmakonzern also schon vor Abschluss des Milliardengeschäfts von einem drohenden Rückschlag?
Ob die angebliche Warnung tatsächlich bei den Verantwortlichen ankam und wie sie darauf reagierten, ist unklar. Die Angaben von BioinvestGPT sind nicht unabhängig bestätigt.
Auf Anfrage von Nau.ch beantwortet Novartis die konkreten Fragen dazu nicht. Der Konzern hält in einem allgemeinen Statement lediglich fest, dass er bereits in der Forschung und Entwicklung auf KI setze.
Diese biete grosse Chancen, die Entwicklung neuer Medikamente zu beschleunigen und deren Erfolgsaussichten zu verbessern.
BioinvestGPT meldet Trefferquote von 95,6 Prozent
Doch wie zuverlässig sind die Vorhersagen überhaupt?
BioinvestGPT behauptet, bei 674 von 705 bewerteten Prognosen richtiggelegen zu haben. Das entspricht einer Trefferquote von bemerkenswerten 95,6 Prozent.
Auf Anfrage von Nau.ch erläuterte das Unternehmen seine Ergebnisse vorerst nicht näher. Die entsprechenden Unterlagen könne es aufgrund einer Exklusivvereinbarung mit einem anderen Medium derzeit nicht herausgeben. Das Embargo dürfte laut BioinvestGPT noch mehrere Monate dauern.
Pharmaforscher zweifelt an Aussagekraft
Der Schweizer Pharmaforscher Benjamin Ineichen von der Universität Bern ist derweil skeptisch. «Insgesamt sehe ich den Ansatz von BioinvestGPT nicht als Durchbruch», sagt er zu Nau.ch.
Auch die angebliche Erfolgsquote überzeugt ihn nicht. «Die Zahl sagt wenig aus», erklärt Ineichen.

Das Problem: Es fehlen wichtige Informationen, um die Vorhersagen beurteilen zu können. So sei beispielsweise nicht klar genug definiert, wann ein Medikament als erfolgreich gilt.
«Es wird überhaupt nicht beschrieben, wie diese Vorhersagen funktionieren, welche Daten verwendet werden und welche Modelle dahinterstecken», kritisiert Ineichen.
Zudem müsste sich unabhängig überprüfen lassen, dass sämtliche Prognosen tatsächlich vor Bekanntwerden der Studienergebnisse festgehalten wurden. Sonst bestehe die Gefahr, dass erfolgreiche Vorhersagen nachträglich ausgewählt oder anders bewertet würden.
Kannte die KI die Antworten bereits?
Ineichen weist auf ein weiteres Problem hin: KI-Systeme werden mit riesigen Datenmengen trainiert. Dabei könnten sie bereits Informationen über Medikamente und Studienergebnisse aufgenommen haben, die bei einer späteren Überprüfung ihrer Vorhersagefähigkeit verwendet werden.
Das wäre vergleichbar mit einem Schüler, der bei einer schwierigen Prüfung sämtliche Fragen richtig beantwortet – weil er die Lösungen bereits vorher kannte.
Ob dies bei BioinvestGPT tatsächlich der Fall war, bleibt offen.
Dass die Technologie keineswegs unfehlbar ist, zeigt indes ein anderer Novartis-Fall: Für das Medikament Pelacarsen sagte BioinvestGPT einen Erfolg voraus. Doch auch dieses Mittel verfehlte im September sein wichtigstes Studienziel.
Für Ineichen ist deshalb entscheidend, dass solche KI-Modelle ihre Vorhersagen im Voraus festhalten und sich anschliessend an tatsächlich neuen Studienergebnissen messen lassen. Erst dann lasse sich ihre Vorhersagekraft verlässlich einschätzen.
KI soll Investitionsentscheide nicht allein bestimmen
Bleibt die Frage: Hätte Novartis aufgrund der negativen KI-Prognose auf die Milliardenübernahme verzichten sollen?
So einfach sei das nicht, erklärt Ineichen. Ob ein Pharmakonzern ein Medikament weiterentwickelt oder ein Unternehmen übernimmt, hänge von weit mehr ab als von den Erfolgsaussichten eines einzelnen Wirkstoffs.
Zudem dürften solche Systeme nicht allein über milliardenschwere Investitionen entscheiden. «KI sind extrem nützliche Werkzeuge», betont der Forscher. Sie sollten uns kritische Entscheidungen aber nicht abnehmen.

Auch den Vorwurf, Novartis hätte auf die angebliche Warnung hören müssen, hält Ineichen für problematisch.
«Im Nachhinein lässt sich leicht sagen, man habe es kommen sehen. Doch vorher war das keineswegs so klar.»
Trotz seiner Skepsis sieht der Wissenschaftler grosses Potenzial in der Technologie. Künftig könnten KI-Modelle helfen, aussichtslose Medikamentenentwicklungen früher zu erkennen.
«Das wäre fantastisch», sagt Ineichen. «Nicht primär wegen des eingesparten Geldes, sondern weil Patienten dann nicht einem möglicherweise unwirksamen Medikament mit Nebenwirkungen ausgesetzt würden.»
Auch Tierversuche könnten dank solcher KI-Simulationen künftig reduziert oder teilweise ersetzt werden, ergänzt Ineichen. Entsprechende Verfahren befinden sich bereits in der Entwicklung.







