Studis müssen nicht mehr an PH – rasseln öfter durch Prüfungen

Mehr Flexibilität, höhere Durchfallquote: Die Abschaffung der Präsenzpflicht an der PH Nordwestschweiz hat auch ihre Schattenseiten.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Durchfallquote an der PH Nordwestschweiz steigt ohne Präsenzpflicht.
- Kritik aus der Politik wird wegen leerer Hörsäle und Durchfallquoten laut.
- Studierende verteidigen die höhere Flexibilität durch die Abschaffung der Präsenzpflicht.
An der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz (PH FHNW) müssen Studierende seit einem Semester nicht mehr zwingend in die Vorlesungen. Das zeigt Wirkung: Die Durchfallquote bei Prüfungen steigt, wie «CH Media» berichtet.
Dozierende schlagen Alarm: Weniger Studierende bestehen seither die Prüfungen. Die Medienstelle der PH bestätigt den Trend.

Genaue Zahlen fürs ganze Semester fehlen zwar noch – Stichproben zeigen aber eine klare Entwicklung.
Früher lagen die Bestehensquoten bei über 95 Prozent. Jetzt sind es nur noch etwas über 90 Prozent. Heisst: Jede zehnte Person fällt durch.
Einen Zusammenhang mit der aufgehobenen Präsenzpflicht schliesst die Hochschule nicht aus.
Hörsäle bleiben leer – Politik kritisiert
Gleichzeitig bleiben immer mehr Plätze in den Hörsälen leer. In einzelnen Kursen fehlen laut «CH Media» bis zu 30 Prozent mehr der Studierenden. Andere Veranstaltungen sind weiterhin gut besucht.
Die Präsenzpflicht wurde nach den Sommerferien 2024 abgeschafft.
Die PH FHNW mit Standorten in Brugg-Windisch AG, Solothurn und Muttenz BL setzt damit auf mehr Flexibilität. Studierende entscheiden seither selbst, ob sie vor Ort erscheinen. Die Leistungsanforderungen bleiben aber gleich.

Kritik kommt aus der Politik: Der Baselbieter SP-Landrat Roman Brunner spricht in einer Interpellation von unzuverlässigen Studierenden und davon, dass der Unterricht nun leide.
Zudem beanstandet er frustrierte Dozierende und warnt, dass gute Lehrpersonen die Hochschule verlassen könnten.
Studi-Vertreter verteidigt Abschaffung der Präsenzpflicht
Die Studierenden wehren sich.
Omar Wady von der Studierendenorganisation widerspricht gegenüber «CH Media»: «Wir distanzieren uns ausdrücklich von solchen Vorwürfen.» Die Realität vieler Studierender sei komplexer.
Viele starteten nicht direkt nach der Matura ins Studium, so Wady. Sie seien oft älter und auf ein Einkommen angewiesen. «Die gewonnene Flexibilität hilft, Studium und Privatleben besser zu vereinen.»

Zudem bezweifelt Wady, dass Präsenzpflicht automatisch mehr Engagement bringt. Wer heute fehle, habe früher vielleicht nur in der hintersten Reihe gesessen.
Für ihn greift die Erklärung: Fehlende Präsenz = mehr Durchfälle daher zu kurz.
Hochschule appelliert an Eigenverantwortung
Auch die PH FHNW betont die Eigenverantwortung der Studierenden. «Studierende steuern ihren Lernerfolg wesentlich mit, indem sie die von der Hochschule bereitgestellten Angebote durch ihre aktive Beteiligung mitgestalten.»
Die Rückmeldungen der Dozierenden fallen gemischt aus: Einige setzen erfolgreich auf digitale Formate. Andere stören sich daran, dass sie oft nicht wissen, wie viele Studierende tatsächlich erscheinen. Gerade bei interaktiven Kursen wird die Planung schwierig, wenn Abmeldungen ausbleiben.
Eine umfassende Auswertung des ersten Semesters ohne Präsenzpflicht steht noch aus. Hochschule und Studierende wollen die Entwicklung weiter beobachten – und bei Bedarf nachjustieren.
Besonders Frauen kämpfen mit fehlenden sozialen Kontakten
Seit der Corona-Pandemie haben Schweizer Hochschulen und Universitäten die Angebote, um Vorlesungen von zu Hause aus schauen zu können, ausgebaut.
Die Folge: Viele Studis erscheinen nicht mehr im Unterricht und setzen auf die aufgezeichneten Vorlesungen via Podcasts.
Das kann zu schlechteren Leistungen führen, wie Nau.ch im Oktober berichtete. Besonders Frauen kämpfen mit fehlenden sozialen Kontakten, geringer Motivation und sinkendem Lernerfolg.
Schon ein kleiner Anstieg des Online-Anteils kann den Notenschnitt spürbar verschlechtern. Das zeigte eine Studie der Universität Zürich und der National University of Singapore auf.
Online-Unterricht kann sogar zu besseren Noten führen
Die Erfahrungen an den Schweizer Unis bestätigen diese Resultate aber nur teilweise. An der Universität Bern beispielsweise zeigt eine Analyse, dass sich Noten mit oder ohne Podcast kaum unterscheiden.
Rückmeldungen von Studierenden und Dozierenden sind überwiegend positiv, Podcasts werden geschätzt und die Infrastruktur wird stetig ausgebaut.
An der Universität Zürich betonen Lehrende, dass Podcasts vor allem als Lernhilfe dienen, um Inhalte zu wiederholen. Oder um sie zeitlich flexibel nachzuholen. Der direkte Austausch zwischen Studierenden und Dozierenden geht dabei jedoch verloren.
An der Universität Luzern hingegen profitieren einige Fakultäten, wie die Theologische Fakultät, sogar von digitalen Angeboten: Fernstudierende erzielten dort bessere Noten als Präsenzstudierende.
Auch an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät dienen Podcasts vor allem zur Nachbereitung und zur besseren Vereinbarkeit von Studium und Alltag.








