Baselland

    US–Familie lebt seit 15 Jahren hier – und erwägt Rückkehr

    Riccardo Schmidlin
    Riccardo Schmidlin

    Leimental,

    Jedes Jahr stellt sich für die Familie Toole dieselbe Frage: Ist die Zukunft in der Schweiz oder in den USA? Nau.ch hat die Familie besucht.

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    «Wir wissen nie, wie unser Leben aussehen wird»: Emily und Robby Toole denken jedes Jahr darüber nach, ob sie in der Schweiz bleiben wollen oder nicht. - Nau.ch/Riccardo Schmidlin

    Das Wichtigste in Kürze

    • Die Amerikaner Emily und Robby leben mit ihren fünf Kindern in der Schweiz.
    • Sie schätzen die Sicherheit, vermissen aber ihre Familie in den USA.
    • Die Kinder fühlen sich in beiden Kulturen zu Hause.
    • Seit 15 Jahren sind sie in der Schweiz. Ob sie bleiben oder zurückkehren, ist noch unklar.

    Einmal im Jahr stellen sich Emily und Robby Toole dieselbe Frage: Bleiben sie mit ihren fünf Kindern in der Schweiz oder kehren sie in die USA zurück?

    Seit fast 15 Jahren lebt die Familie hier. Emily kam 2013 für eine Stelle bei der englischsprachigen katholischen Mission nach Genf.

    Robby zog erst nach ihrer Hochzeit in die Schweiz. Heute leben sie in Therwil BL und schätzen ihr Familienleben. Trotzdem vermissen sie ihre Verwandten, und die Integration bleibt eine Herausforderung.

    Small Talk in der Schweiz nicht selbstverständlich

    «Wir sind glücklich, wir sind angekommen und haben eine tolle Familie», sagt Emily. Bei ihrer Zukunftsentscheidung zählen Jobchancen, hohe Kosten und die Bildung der Kinder. Auch deshalb ist unklar, ob sie in der Schweiz bleiben.

    Emilys Start in Genf war schwierig. Mit wenig Lohn und einer L-Bewilligung musste sie vieles selbst organisieren. Ein Bankkonto, eine Wohnung und ein Telefonabo zu bekommen, erwies sich als kompliziert.

    USA oder die Schweiz: welches Land gefällt dir besser?

    «Mein Umzugspaket bestand aus einem zusätzlichen aufgegebenen Gepäckstück, und das war alles», erzählt sie. Unterstützung fand sie vor allem in der Kirchgemeinde.

    Auch Robby musste sich an die Schweiz gewöhnen. In den USA seien spontane Gespräche und kurze Begegnungen selbstverständlich. Hier brauche es oft mehr Zeit, bis Kontakte entstünden.

    Drei Küssli sorgen für Kulturschock

    Dazu kamen kleine Kulturschocks. In der Romandie gehört das «bisou», die drei Begrüssungsküssli, zum Alltag.

    Auch beim Thema Lärm unterscheiden sich die Gewohnheiten: Was in den USA normal sei, könne in der Schweiz bereits als störend gelten. Die Schweizer Zurückhaltung empfand Robby ebenfalls als ungewohnt.

    Sind Schweizer zu zurückhaltend?

    Wer Anschluss finden wolle, müsse selbst aktiv werden. Über die Schule, die Sportvereine ihrer Kinder und das Engagement in der Gemeinde hat die Familie Kontakte geknüpft.

    Alle fünf Kinder sind in der Schweiz geboren. Emily und Robby möchten ihnen sowohl ihre amerikanischen Wurzeln als auch Schweizer Traditionen mitgeben.

    Emily brachte das Kürbisschnitzen zu Halloween nach Genf. Gleichzeitig entdeckte die Familie Schweizer Bräuche wie die Fasnacht und die Genfer Escalade.

    Kinder in der Schweiz geboren – und trotzdem amerikanisch geprägt

    Emily beschreibt ihre Familie als Beispiel für eine «Third Culture». Dabei verbindet sich die Herkunftskultur mit der Kultur des Landes, in dem man lebt.

    «Wir können beide Kulturen behalten, und ich glaube, dass eine die andere bereichern kann», sagt sie. Ihre Kinder seien «Third Culture Kids»: amerikanisch geprägt und zugleich in der Schweiz zu Hause.

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    Die drei Küssli und der fehlende Smalltalk: Das waren die grössten Kulturschocks für die Tooles. - Nau.ch/Riccardo Schmidlin

    Durch die Kinder lernen auch Emily und Robby die Schweizer Geschichte und Traditionen besser kennen. Schule, Vereine und Freundschaften haben ihnen geholfen, sich zunehmend zugehörig zu fühlen.

    Besonders schätzen die Eltern, wie selbstständig ihre Kinder sind. Sie gehen früh allein zur Schule und können sich frei bewegen. Auch Sicherheit und Vertrauen in der Gemeinschaft sind ihnen wichtig.

    Bei einer Rückkehr in die USA müssten sie vieles neu abwägen. Emily fragt sich, ob ihre Kinder dort dieselben Freiheiten hätten. Die Sorge vor Waffengewalt beeinflusst ihre Überlegungen ebenfalls.

    Tooles
    Die Tooles sind eine grosse Familie. Emily (l.) und Robby Toole (r.) haben fünf Kinder: Raphael (11 Monate, 2 v.l.), Augusta (9), Andre (6), Zélie (3) und Max (11). - zvg

    Gleichzeitig vermissen beide ihre Familien. Flugreisen mit sieben Personen sind teuer, und wichtige gemeinsame Momente gehen verloren. Emily fehlen zudem spontane Gespräche und die offene Art, mit der Menschen in den USA aufeinander zugehen.

    Robby schätzt das Schweizer Bildungssystem, das unterschiedliche Fähigkeiten fördere. Mit zunehmendem Alter der Kinder werde es für die Eltern allerdings schwieriger, sie schulisch zu unterstützen.

    «Gefühl, verantwortlich für US-Politik zu sein»

    Auch die politische Entwicklung in den USA beschäftigt das Paar. Beide haben den Eindruck, dass ihr Heimatland international kritischer wahrgenommen wird. Das führt zu Anfeindungen und Hass.

    Robby fühlte sich in einem Deutschkurs für Zugewanderte plötzlich als Vertreter der gesamten USA. Er tritt in seiner Freizeit als Comedian auf – und erlebt bei Auftritten ablehnende Kommentare über Amerika.

    Tooles
    Die Tooles fühlen sich amerikanisch. - zvg

    «Manchmal haben wir das Gefühl, ein bisschen Verantwortung mitzutragen, weil wir Amerikaner sind», sagt er. Dabei teilen beide häufig die Kritik an politischen Entscheidungen ihrer Heimat.

    Emily empfindet manche Entwicklungen als «beschämend» und fühlt sich zugleich machtlos. Trotzdem bleibt sie mit den USA verbunden. Für das Paar sind amerikanische Kultur und US-Politik nicht dasselbe.

    Kinder finden Schweiz «sicherer»

    Ob die Familie langfristig in der Schweiz bleibt, ist offen. Berufliche Perspektiven, Lebenshaltungskosten und die Zukunft der Kinder spielen dabei eine Rolle. Auch ihre Eltern in den USA werden älter. Die räumliche Distanz wiegt deshalb zunehmend schwerer.

    «Letztlich geht es darum, wo unsere Familie und unsere Kinder die besten Möglichkeiten haben, sich zu entfalten», sagt Emily.

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    «Die Schweiz ist sicherer»: So denken die Toole-Kinder über die Frage, ob USA oder die Schweiz. - Nau.ch/Riccardo Schmidlin

    Nau.ch hat auch mit den Kindern gesprochen. «Die Schweiz und die USA sind beides super Länder», sagt der elfjährige Max. In der Schweiz gefällt ihm neben der Natur, dass es hier so sicher ist. Dafür vermisst er das Disneyland.

    Die neunjährige Augusta stimmt ihrem Bruder zu. Dazu gefällt ihr, dass sie durch die beiden Kulturen so viele Sprachen sprechen kann.

    Definitiver Entscheid noch nicht getroffen

    Ihr Rat an andere Zugewanderte: sich engagieren, Fragen stellen und die Sprache lernen. Emily empfiehlt, eine persönliche Leidenschaft zu finden und sich damit einzubringen. Robby rät, hartnäckig zu bleiben und notfalls wiederholt nach der richtigen Ansprechperson zu fragen.

    Für Emily und Robby ist die Schweiz vorerst ihr Zuhause. Doch die USA bleiben Teil ihrer Identität und Familiengeschichte. Mit dem Älterwerden ihrer Eltern stellt sich auch die Frage nach der Nähe zu ihren Angehörigen immer dringlicher.

    Deshalb setzen sie sich jedes Jahr erneut zusammen und überlegen, ob sie bleiben oder zurückkehren sollen. Eine endgültige Antwort haben sie bisher nicht gefunden.

    Kommentare

    User #4895 (nicht angemeldet)

    Wie heisst das Lied:… dann geh(t) doch…

    User #2040 (nicht angemeldet)

    Ich würde wahrscheinlich auch lieber in einem von Nazis regierten Land leben wollen.

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