Vom Referendum bis zum ESC: 50 Jahre St. Jakobshalle Basel

Roger Federer, Freddie Mercury und der Dalai Lama haben etwas gemeinsam: Sie alle waren zu Gast in der St. Jakobshalle Basel. Diese wurde am 26. September 1976 eröffnet. Ein Blick zurück auf die 50-jährige Geschichte mit Erfolgen, aber auch Pannen und Streitereien.

Die Geschichte der Halle begann 1953 mit der Suche nach Sportflächen für die Stadt. Die Interessengemeinschaft Basler Turn- und Sportverbände verhandelte dafür mit der Mustermesse über den Ausbau zu diesem Zweck, wie aus den Unterlagen der Verwaltungskommission im Staatsarchiv Basel-Stadt hervorgeht.
Schon bald war aber klar, dass es dazu einen neuen Standort benötigte. Ein Vorstoss im Grossen Rat forderte 1956 den Bau einer grossen Mehrzweckhalle. Im Auftrag der Regierung erarbeitete eine Studiengrupppe zwei Varianten: Eine Halle vis-à-vis vom Fussballstadion Joggeli mit und ohne Velorennbahn. Letztere fiel schliesslich aus dem Projekt: Nachdem das Basler Stimmvolk 1965 eine demontable Radrennbahn in der Mustermesse abgelehnt hatte, wurde diese aus der Sporthalle St. Jakob gestrichen.
Widerstand gegen den «Schausport-Palast»
Der Grosse Rat genehmigte 1965 eine Ausgabe von rund 21,6 Millionen Franken für den Neubau, dessen grosse Halle 9500 Sitzplätze umfasste. Dagegen organisierte sich Widerstand: Das Komitee «Aktion für einen gesunden Finanzhaushalt» ergriff das Referendum. Die Gegnerschaft argumentierte, dass angesichts der damals prekären Kantonsfinanzen ein «Palast für den Schausport» nicht angebracht sei. Zudem kritisierte das Komitee, dass ohnehin Münchenstein von der Billettsteuer profitieren werde, da auf Baselbieter Boden.
Das Stimmvolk nahm die Vorlage am 2. Juli 1967 mit 57,3 Prozent Ja-Anteil an. Es war die erste Basler Abstimmung, bei der sich auch Frauen beteiligen konnten, wie es im Abstimmungslexikon «Basel Votes» heisst.
Aufgrund der finanziellen Lage des Kantons zog sich der Baubeginn in die Länge. Umständlich war auch der Standort – die Gemeindeversammlung von Münchenstein musste der Zonenänderung noch zustimmen. 1970 begannen die Bauarbeiten. 1975, bereits ein Jahr vor der offiziellen Eröffnung, trat Santana als erste internationale Band dort auf.
Die einst verworfene Idee mit einer Velorennbahn flackerte mehrmals auf. Der Rad- und Motorsportverband forderte 1979 eine solche Anlage. Die Verwaltungskommission betrachtete es aber als sinnlos, nur wegen sechs Rennen pro Jahr so etwas einzubauen. Die Halle sei auch schon genug ausgelastet.
Ein «Schlachtfeld» mit Harassen und Scherben
Schon in den ersten Jahren traten internationale Bands wie Queen, Supertramp und Joan Baez auf, doch schon bald wollte die Verwaltungskommission die Halle nicht mehr für Popkonzerte zur Verfügung stellen, wie es in den Protokollen von 1978 heisst.
Die Konzerte bedeuteten zwar Einnahmen von 15'000 bis 20'000 Franken. Gleichzeitig zogen die Schäden Kosten von bis zu 10'000 Franken mit sich. Die Halle sehe nach Popkonzerten «wie ein Schlachtfeld» aus mit zerschlagenen Bierflaschen und Gläsern.
Auch ein Flaschenverbot bringe nichts – die Gäste brächten ihr Bier in Harassen mit in die Halle. Zwar hätten die Veranstalter die Schäden immer bezahlt, doch es entstünden zu deren Ermittlung immer grosse Umtriebe, die nicht in Rechnung gestellt werden könnten, schrieb die Kommission. Randalierer würden sich zudem einen Sport daraus machen, nicht erwischt zu werden, und die Polizei lasse sich nicht blicken, solange es keine grösseren Ausschreitungen gebe.
Auch Discoabende liefen aus dem Ruder: 1979 beschwerte sich die Verwaltungskommission über den «katastrophalen Verlauf» dieser Veranstaltungen. Es gelinge den Veranstaltern nicht, die jugendlichen Teilnehmern" in Zügeln zu halten«. Ein Jahr später lehnten sie trotz guter Einnahmen eine weitere Disco ab – das verursache «Beschädigungen und Zerstörungen».
Aus nicht weiter bekannten Gründen überlegte es sich die Verwaltung bald anders mit den Konzerten – und diese blühten auf. In den frühen 1980er-Jahren spielten etwa Kiss, Johnny Cash, Iron Maiden, Bob Dylan, Elton John und Eric Clapton. Zudem gastierten Fernsehshows, allen voran «Wetten, dass...?» mehrmals in der Halle – insgesamt zwölf Sendungen wurden zwischen 1983 und 2007 dort aufgezeichnet.
Lokalpatriotismus und Konkurrenz
Einen Rückschlag erlebte die Hallenleitung 1986. Sie wollte das Finale der Handball-WM gerne nach Basel bringen. Die Wahl fiel aber auf Zürich. Das lokalpatriotische Selbstmitleid schlug durch: Im Organisationskomitee habe es halt viele Zürcher, doch keine Basler. Zudem gebe es in Basel einfach keine einflussreichen Leute für einen solchen Anlass, schrieb die Verwaltung.
Ein weiterer Streitpunkt waren die Swiss Indoors, die seit der Eröffnung nicht von der St. Jakobshalle wegzudenken sind. In den 1980er-Jahren kam es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen der Hallenverwaltung und Veranstalter Roger Brennwald.
1987 liess sich dieser etwa in der «Basler Zeitung» zu den Tennis-Schaukämpfen in der Joggelihalle zitieren. Diese Veranstaltungen würden eine «Bedrohung» für die Swiss Indoors darstellen. Im Falle einer Wiederholung solcher Schaukämpfe ziehe er einen Umzug in Erwägung. Selbstredend war die Hallenverwaltung darüber nicht erfreut. Man lasse sich nicht erpressen, hiess es.
1990 konnten wiederum keine Popkonzerte stattfinden, dieses Mal lag es aber nicht an den Sachschäden. Die Organisatoren waren nicht bereit, 15 Prozent der Ticketeinnahmen für die Billett- und 28 Prozent für die Quellensteuer zu bezahlen. Baselland schaffte die Billettsteuer schliesslich 2000 ab. Schon vorher kehrten Popkonzerte in die Joggelihalle zurück. Auch Opernspektakel und Technopartys waren 1990er-Jahren zu Gast.
Waffen ja, Sex nein
Manche Veranstaltungen erforderten besondere Abklärungen. Ein Veranstalter stellte mehrmals den Antrag, 1990 eine Waffenbörse zu organisieren. Die Regierung hatte keine Bedenken und auch die Verwaltungskommission stimmte zu. Trotz des grünen Lichts fand eine solche Waffenmesse letztendlich aus nicht näher bekannten Gründen nie dort statt, wie die Medienstelle der St. Jakobshalle auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA schreibt.
Komplizierter wurde es bei einem Motocross-Anlass. Es gab Reklamationen dagegen – schliesslich hatte die Baselbieter Regierung 1955 Motorsportrennen verboten. Ein Rechtsgutachten kam jedoch zum Schluss dass der Anlass nicht unter das Verbot falle, worauf die Töffs 1998 durch die Halle brausen konnten.
Erotikmessen waren hingegen damals noch ein Tabu. Die Verwaltungskommission kam zum Schluss, dass kein solcher Anlass stattfinden soll, obschon alle zwei Wochen Kontaktaufnahmen von Veranstaltern erfolgt sind. Ein Mitglied sagte, er habe schon rein dienstlich eine solche Messe in Weil am Rhein gesehen und das Ambiente dort sei «schummerig». Dabei blieb es auch: Zwar fand mit der «Extasia» 2009 erstmals eine Erotikmesse statt, doch nicht in der Joggelihalle, sondern in der Eishalle St. Jakobs-Arena gleich nebenan.
ESC-Erfolg nach Sanierungsdebakel
Die Basler Regierung beschloss 1999, die Halle teilweise umzubauen. Die Kanuhalle und der Fitnessraum wurden kaum mehr genutzt und fielen weg. Eine umfassende Sanierung folgte später. 2015 gab der Grosse Rat grünes Licht für 105 Millionen Franken und eine Erhöhung von 9000 auf 12'000 Plätze – just in diesem Jahr besuchte auch der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt Tibets, die Joggelihalle.
Die frisch sanierte Halle ging 2018 in Betrieb. Schon bald setzte die Ernüchterung ein: 2019 musste das Konzert der Rapper Bonez MC und RAF Camora wegen fehlender Brandschutzmassnahmen abgesagt werden. Nachrüstungen waren nötig und erst 2021 war die Halle voll bespielbar.
Damit war das Debakel noch nicht vom Tisch: 2024 stellte die Geschäftsprüfungs- und Finanzkommission des Grossen Rats massive Kostenüberschreitungen, Planungs- und Baumängel bei der Sanierung fest. Statt 105 Millionen Franken summierten sich die Kosten auf 141 Millionen. Die ungenügende Belastbarkeit der Decke verunmöglichte es etwa, schwere Scheinwerfer aufzuhängen und auch die Belüftung war ungenügend.
Als bekannt wurde, dass Basel den Eurovision Song Contest (ESC) 2025 austrägt, musste der Kanton Abhilfe schaffen. Mithilfe einer temporären Deckenverstärkung wurde die Halle fit gemacht für die grösste Musikshow der Welt. Im Mai 2025 ging der Anlass ohne Zwischenfälle über die Bühne. Trotz ESC ist eine Dichte an internationalen Pop-Grössen, wie sie einst in der Halle spielten, derzeit nicht mehr auf dem Programm zu sehen.






